160 Jahre APZ: Jubiläum trifft Forschung
Haus 4

Das AWO Psychiatriezentrum (APZ) Königslutter feiert in diesen Tagen sein 160-jähriges Bestehen. 160 Jahre Klinikgeschichte sind mehr als ein Jubiläum – sie sind ein Spiegel medizinischer, gesellschaftlicher und menschlicher Entwicklung. Seit ihrer Gründung 1865 hat sich die Klinik stetig gewandelt und immer wieder neue Maßstäbe in der Versorgung gesetzt. Die ersten Schritte auf dem Weg zu einem modernen, offenen und patientenorientierten Krankhaus begannen im Gründungsjahr mit dem Neubau der Herzoglichen Heil- und Pflegeanstalt auf dem ehemaligen Gelände des Klosters zu Königslutter.

Ein besonderes Kapitel dieser Geschichte ist die der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, die am 1. Juli 1953 als erste klinisch-jugendpsychiatrische Abteilung in Niedersachsen gegründet wurde, die sich ausschließlich der Behandlung von Kindern und Jugendlichen widmete. Anlässlich des 160-jährigen Bestehens blicken wir gemeinsam mit der Doktorandin für Pharmazie- und Wissenschaftsgeschichte der TU Braunschweig, Mariam Ghazi, zurück, die die Geschichte unserer Klinik wissenschaftlich in ihrer Dissertation aufgearbeitet hat. Betreut wird sie währenddessen von Bettina Wahrig, Professorin im Ruhestand für Pharmazie- und Wissenschaftsgeschichte in Braunschweig. Der Titel der Arbeit lautet: „Vorgeschichte und Etablierung der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Niedersächsischen Landeskrankenhaus Königslutter von 1951 bis 1962: Zwischen Fürsorge und therapeutischen Maßnahmen.“

„Die Findung des passenden Themas war ein langer Prozess“, erzählt Mariam Ghazi. Während ihres Praktischen Jahres 2015 am Henry Ford Hospital in Detroit, USA, wurde ihr Interesse an der Arbeit mit Patientenakten durch ihre Forschungsarbeit vor Ort geweckt und sie griff dieses 2019 bei der Wahl ihres späteren Dissertationsvorhabens auf. Gestartet wurde diese Vorhaben zunächst in Stade im niedersächsische Landesstaatsarchiv. „Dort beschäftigte ich mich mit Patientenakten von Kriegsveteranen aus der Nachkriegszeit, wobei dieses Thema mein wissenschaftliches Interesse jedoch nicht nachhaltig weckte“, sagt sie. Die Suche ging weiter und führte sie nach Wolfenbüttel ins Niedersächsische Landesarchiv. „Ich habe mich dann in die Patientenakten aus dem Niedersächsischen Landeskrankenhaus Königslutter eingelesen und bin beim Durchblättern auf Kinderakten in diesem Bestand gestoßen. Da ich die Forschung mit Kindern besonders interessant finde, habe ich mein Thema auf Kinderakten eingeschränkt.“

Während ihrer Arbeit stellte Mariam Ghazi fest, dass die Situation in Königslutter sehr besonders war, „da es die erste klinische Abteilung für Kinder und Jugendliche in Niedersachsen überhaupt war – eine Innovation zu dieser Zeit“, betont die Doktorandin. Während ihrer Recherche habe sie einen Bestand von 9054 Akten aus der Zeit der Heil- und Pflegeanstalt und des NLK gesichtet. „Mein Ziel war es, nur die Daten der Kinder und Jugendlichen bis 18 Jahren, die ausschließlich in der ersten KJP-Abteilung behandelt wurden, in meine Arbeit schwerpunktmäßig einfließen zu lassen. Denn es gab zu der Zeit noch Kinder und Jugendliche, die auch in anderen Abteilungen untergebracht waren.“ Nach der Durchsicht waren es am Ende 1080 Akten mit 1135 Vorgängen, die relevant waren. „Ich fand es sehr spannend und interessant zu sehen, wie sich manche Vorgänge entwickelt haben.“

Trotz anfänglicher Schwierigkeiten durch die Corona-Pandemie und der notwendigen Vor-Ort-Bearbeitung der Akten empfand sie den Arbeitsprozess als sehr bereichernd. „Besonders eindrucksvoll war die historische Bedeutung der heutigen KJP als erste Einrichtung ihrer Art in Niedersachsen sowie die Einblicke in die Patientenakten.“

Für das AWO Psychiatriezentrum Königslutter hat Mariam Ghazi zwei Essays verfasst:

Doktoranin Mariam Ghazi
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