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Essstörungen

Verlauf und Prognose der beiden Essstörungen Anorexia nervosa und Bulimia nervosa stellen den Kliniker vor verschiedene Probleme hinsichtlich der Differential-Indikation stationäre, teilstationäre oder ambulante Behandlung. Beide Erkrankungen sind oft schwer voneinander zu trennen und gehen häufig auch ineinander über. In der Literatur herrscht Übereinstimmung, dass - bei ideal-typischer Trennung der beiden Essstörungen - für die Anorexia nervosa die stationäre Behandlung zur Behandlungseinleitung unabdingbar ist, während bei der Bulimia nervosa nur selten eine primär stationäre Aufnahme gerechtfertigt ist, sondern eher ein primär tagesklinisches oder ambulantes Therapieangebot indiziert ist.

Inhaltlich sind die erforderlichen therapeutischen Konzepte von vornherein multimodal integrativ und flexibel, sowohl hinsichtlich des klinischen Settings (stationär/teilstationär/ambulant) als auch hinsichtlich der zur Anwendung kommenden Behandlungsmethoden (psychodynamisch, kognitiv-verhaltenstherapeutisch, körper-therapeutisch, kreativtherapeutisch).

Vor diesem Hintergrund ist eine primäre stationäre Behandlung der Bulimie nur dann erforderlich, wenn zusätzlich eine schwerwiegende somatische oder psychische Komorbidität vorliegt, z. B. mehrfach entgleister Diabetes mellitus, schwere Persönlichkeitsstörungen, Depressionen oder Suchtentwicklungen. Für beide Essstörungen gilt, dass nach erfolgter stationärer Therapie sich in aller Regel eine teilstationäre Therapie und danach eine mehrjährige ambulante Therapie anschließen müssen.

Für die stationäre Therapie ergeben sich in diesem Kontext folgende Behandlungsziele:

1.Motivation zur Aufnahme eines erfolgversprechend therapeutischen Prozesses, der zur Heilung unabdingbar ist. Spontanheilungen sind selten, es überwiegen Behandlungsabbrüche. Die Motivationsarbeit muss geduldig erfolgen, weil sich die Patientinnen angesichts einer stark auf die Symptomatik fokussierten Behandlung häufig alleingelassen und unverstanden fühlen, wodurch Therapieabbrüche gebahnt werden.

2.Die symptomorientierte Behandlung hat die anhaltende Normalisierung des körperlichen Zustandes, z. B. Gewichtsstabilisierung zum Ziel. Dieses Ziel ist angesichts der somatischen, physiologisch bedingten Folgeerkrankungen ein wichtiges Ergebniskriterium. Hinzukommt, dass ein sehr niedriges Gewicht mit verminderter Inspektionsfähigkeit einhergeht und dadurch Psychotherapie insgesamt erschwert wird. Deshalb ist die Gewichtszunahme während und nach der stationären Behandlung bei Anorexie mit großer Wahrscheinlichkeit ein wichtiger Vorhersagefaktor des mittel- und langfristigen Therapieerfolgs.

3.Ein normales Essverhalten im Alltag ohne pathologische Verhaltensweisen und Kognitionen.

4.Die therapeutische Bearbeitung der psychischen familiären und sozialen Probleme ist zur langfristigen Stabilisierung unbedingt erforderlich.

Behandlung von Essstörungen in der Klinik für Psychosomatische Medizin 

Im Gegensatz zu einer reinen Klinik für Essstörungen ist die Behandlungseinheit für essgestörte Patientinnen als eine Station innerhalb der psychosomatischen Klinik konzipiert.

Behandlungsvorbereitung (ambulant)

Im Vorfeld der eigentlichen stationären Therapie sollte ein ambulantes Vorgespräch erfolgen, in dem die Entwicklung, Ausprägung, Besonderheit und der mögliche psychosoziale Kontext der Essstörung eruiert werden. Neben der Patientin selbst ist es hier auch möglich, mit den Eltern oder anderen wichtigen Bezugspersonen Kontakt aufzunehmen, um so die psychosozialen Bedingungen des Krankheitsbildes besser beurteilen zu können. Abschließend werden die verschiedenen 

Therapieangebote der Klinik vorgestellt und erklärt und bei Bedarf findet eine Begehung der Klinik mit Vorstellung der Behandlungsräume statt.

1. Stationäre Einstiegsphase (2 – 4 Wochen), initial wird mit der Patientin eine Behandlungsver-einbarung getroffen. Diese beinhaltet ein unteres Grenzgewicht, in der Regel nicht weniger als 13 – 14 kg/m2 BMI. Eine regelmäßige wöchentliche Gewichtszunahme wird festgelegt. Ein Zielgewicht wird definiert, in der Regel im unteren Normalbereich des BMI, d. h. 18 – 19kg/m2. Kalorienzahl der Ernährung sowie die Mahlzeitenverteilung werden mit der Patientin festgelegt. Ausgangsregelungen werden getroffen, der Zugang zu den verschiedenen Therapien besprochen und initiiert.

2. Stationäre Mittelphase (2 – 4 Wochen) bis zum Erreichen des Zielgewichtes. Hier überwiegen anfangs die symptombezogenen Therapieelemente, die sich aus den oben genannten Therapievereinbarungen ergeben. Sie sind in Art und Inhalt noch sehr an der reinen Essstörungstherapie orientiert. Mit zunehmender Bearbeitung kommt es idealerweise zu einer Gewichtszunahme und Stabilisierung des psychosomatischen Gesamtzustands, so dass im 2. Abschnitt der Mittelphase vermehrt auch konfliktorientierte Therapiemaßnahmen zur Anwendung kommen. Pathogenetisch wirksame familiäre und psychosoziale Interaktionsmuster können jetzt bearbeitet werden. Dies hat eine Öffnung der Therapie in Richtung allgemeine Psychosomatik zur Folge, die Patientinnen können jetzt in der Interaktion mit anderen psychosomatisch Erkrankten neue Sichtweisen auch im Hinblick auf ihre eigenen Störungen entwickeln. Bildhaft ausgedrückt geht somit die reine Essstörungsbehandlung in einer allgemeinen psychosomatischen Behandlung auf.

3. Stationäre Abschlussphase (2 – 4 Wochen): Generell gilt für die Abschlussphase einer stationären psychosomatischen Therapie, dass die betroffenen Patientinnen häufig eine Symptomverstärkung erfahren, die mit einer regressiven Abwehr der anstehenden Trennung mit ihren damit verbundenen Gefühlen einhergeht. Hier überwiegen jetzt kognitiv orientierte und soziotherapeutische orientierte Therapiestrategien, die es der Patientin ermöglichen sollen, den Transfer von der Station in die Häuslichkeit zu bewältigen, ohne dass es zu einem erneuten Rückfall in die Essstörung kommt. Aktives therapeutisches Vorgehen mit konkreter Bahnung ambulanter Nachbehandlungen ist hier ebenso erforderlich, wie das deutende Bearbeiten der mit der Trennung verbundenen schmerzhaften Affekte.